Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern
Chapter 291: Ich bin hier
CHAPTER 291: ICH BIN HIER
Nicht weil sie mussten oder es überhaupt wollten.
Weil sie ihn wählten.
Und vielleicht war das der Unterschied.
Der ganze Unterschied.
Für einen Moment existierte die Welt jenseits des Raumes nicht. Keine Städte. Keine Anforderungen. Keine Prüfungen oder Monster oder Kulte. Nichts versuchte, ihn auseinanderzureißen oder ihn etwas beweisen zu lassen.
Es waren nur er, die Zwillinge und der ruhige Schlag eines Herzens, das sich nicht mehr belastet fühlte.
„Ich bin hier", flüsterte er, die Worte kaum mehr als ein Hauch, als würden sie davonfliegen, spräche er sie zu laut aus.
Evelyn antwortete zuerst, ihre Stimme leiser als die Brise, die durch das Fenster hereinkam, aber fester als alles, was er den ganzen Tag gehört hatte.
„Wir auch."
Ein Schlag.
Eine Pause.
Wie ein Lied, bevor es anschwillt, dieser stille Moment, in dem man spürt, dass etwas Echtes kommt.
„Keine Sorge", fügte Everly hinzu, ihre Finger strichen sanft über seine Brust. „Wir gehen nirgendwo hin."
Seine Augen schlossen sich wieder.
Nicht, um zu fliehen.
Nur, um es sich setzen zu lassen.
„Das stimmt", sagte er. Nicht dramatisch. Einfach ehrlich. Die Art von Danke, die man nicht aus Höflichkeit sagt, sondern weil es in der Brust schmerzt, wenn man es nicht herauslässt.
Sein Körper fühlte sich immer noch müde an.
Aber das Gewicht war nicht mehr da.
Stattdessen hatte etwas anderes diesen Raum gefüllt.
Etwas Wärmeres.
Etwas Ruhigeres.
Die Stille, die zurückkehrte, war nicht hohl oder unangenehm. Sie dehnte sich nicht unbeholfen aus oder bettelte darum, gefüllt zu werden. Sie war vollständig.
Geteilt. Die Art von Stille, die man nur mit Menschen erlebt, die wissen, wie man Raum hält, nicht nur für sich selbst, sondern füreinander.
Schließlich bewegten sie sich.
Nicht schnell. Nicht als Reaktion auf irgendetwas.
Es war einfach Zeit.
Ihre Glieder verschoben sich, der Rhythmus ihrer Nähe entfaltete sich wie die Flut, die hereinrollt – sanft, beständig, ohne Kanten.
Niemand gab Befehle.
Niemand fragte, was zu tun sei.
Sie... passten einfach.
Nicht wie Puzzleteile. Das wäre zu starr gewesen.
Eher wie Schwerkraft.
Wie Wärme, die zu Wärme driftet.
Ethan lehnte sich vollständig zurück, den Kopf auf dem weichen Kissen, das Gefühl des Bettes unter ihm erdend, aber leicht.
Evelyns Hand fand seinen Kiefer, eine langsame Spur hinunter zu seinem Hals, nicht neckend, nicht besitzergreifend. Einfach da. Real.
Everlys Handflächen breiteten sich über seine Brust aus, warm und sicher, ihre Berührung stetig und ruhig, in langen Linien – nicht suchend, sondern erinnernd.
Sie hatten sich schon früher berührt. Umarmt. Gehalten. Stundenlang eng beieinander gesessen.
Aber dies war anders.
Der Raum zwischen Berührung und Nähe war verschwunden, nicht plötzlich, sondern allmählich, wie Licht, das über Wasser aufsteigt.
Die Brise schlüpfte wieder durch das offene Fenster, strich über nackte Haut. Es verursachte Gänsehaut und ein leichtes Zittern, aber keiner von ihnen zog sich zurück.
Wenn überhaupt, lehnten sie sich näher.
Hände bewegten sich sanft.
Kleidung verschob sich.
Es gab keine Eile.
Kein Greifen, keine Gewalt oder hektisches Ziehen.
Nur ruhige Hände, die aufknöpften, anhoben, Stoff beiseite schoben, die Schichten fallen ließen wie Blütenblätter von etwas, das bereits erblüht war.
Sie entkleideten sich nicht wie Liebende, die zu beeindrucken versuchen.
Sie entkleideten sich wie Menschen, die endlich einen Raum erreicht hatten, in dem nichts mehr versteckt werden musste.
Die Art von Entkleiden, die bedeutet Ich sehe dich, nicht Ich will etwas von dir.
Und unter den Schichten war nur Haut.
Warme Haut, sanftes Keuchen, geteilte Wärme.
Ethan sprach nicht.
Er musste nicht.
Er ließ sich einfach fühlen – ihre Hand an seiner Schulter, ihr Bein, das gegen seines glitt, ihr Atem nahe seinem Ohr, stetig und warm.
Der Rhythmus war langsam.
Und das war genug.
Sie jagten nichts. Sie versuchten nicht, eine Ziellinie zu überqueren.
Sie blieben einfach.
Das sanfte Leuchten der Nachttischlampe tauchte ihre Haut in Bernstein.
Ihre Silhouetten verschwammen ineinander, Finger zogen Pfade, die sich mehr wie Erinnerung als Bewegung anfühlten.
Jede Berührung war bewusst, aber nie fordernd.
Ethan bewegte sich nicht, um die Kontrolle zu übernehmen.
Er musste nicht.
Er war bereits Teil von etwas – etwas Geteiltem, Unausgesprochenem, Gleichberechtigtem.
Und in dieser Stille, als ihre Körper sich aneinanderpressten, als Atem auf Atem traf und Finger sich mehr aus Instinkt als aus Überlegung krümmten, gab es keine Verwirrung.
Nur Leichtigkeit.
Vertrauen.
Nicht die laute Art.
Die Art, die sagt: Ich habe keine Angst, hier zu sein.
Ihre Münder trafen sich – sanft, erkundend, langsam. Ein Kuss, der nicht nach einer Reaktion jagte. Der nur Präsenz bot.
Evelyns Lippen bewegten sich mit Anmut, leise, aber unnachgiebig. Ihr Körper schloss sich an seinen wie ein zweiter Herzschlag.
Everlys Atem wärmte die Seite seines Halses, ihre Hand ruhte noch immer auf seiner Brust, Fingerspitzen bewegten sich in kleinen, beruhigenden Kreisen.
Und für lange Zeit war das alles.
Keine Worte.
Nur Haut an Haut.
Nur Zeit, die sich langsam und ungemessen entfaltete.
Ihre Körper waren nicht verwickelt. Sie waren nicht gehetzt.
Sie bewegten sich einfach.
Als hätten sie immer gewusst wie.
Ethan ließ seine Hände über Evelyns Rücken, über Everlys Taille gleiten, nicht gierig, nicht nervös, einfach da, als würde er sich selbst daran erinnern, dass sie real waren.
Er konnte ihren Puls spüren, die winzigen Veränderungen in ihrem Atem hören, die stille Entschlossenheit in jedem Druck ihrer Körper schmecken.
Und immer noch sagte niemand mehr. Niemand musste es.
Denn mehr geschah bereits.
Ohne ein einziges Wort.
Die Nacht dehnte sich draußen aus, Sterne schauten hinter beschlagenem Glas hervor, aber niemand in diesem Raum kümmerte sich darum.
Sie waren zusammen.
Das war alles.
Und es ging nicht um Lust.
Es ging nicht einmal um Bedürfnis.
Es ging um den Moment.
Darum, gesehen und trotzdem akzeptiert zu werden.
Darum, seine Brust zu öffnen und niemanden vor dem zurückschrecken zu lassen, was darin ist.
Ihre Bewegungen verlangsamten sich wieder – nicht, weil etwas endete, sondern weil nichts bewiesen werden musste.
Es war genug.
So zu atmen.
So zu berühren.
So zu existieren.
Irgendwann würden sie schlafen.
Oder vielleicht auch nicht.
Aber das spielte keine Rolle.
Denn als ihre Glieder zur Ruhe kamen und ihre Hände still wurden und ihre Augen gerade lange genug offen blieben, um die Kurve einer Schulter, die Form einer Wange, die Sanftheit des Atems zu verinnerlichen –
Wussten sie.
Dies war nicht der Beginn von etwas Wildem.
Es war die Rückkehr zu etwas Wahrem.
Und als Ethan dort lag, seine Arme sanft beide haltend, ihre Körper an seinem ruhend, als hätten sie schon immer dorthin gehört, kam ihm der Gedanke – nicht als Angst, nicht einmal als Frage, sondern als stille Gewissheit.