Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern
Chapter 304: Die Trauerwendung
CHAPTER 304: DIE TRAUERWENDUNG
Lilith verstand ihn.
Sie hatte Valcrest schon immer verstanden – nicht nur die Art, wie er sich bewegte oder wie er dachte, sondern wie er unter all dem fühlte.
Diese stille Präzision, diese Schärfe, geboren aus der Verweigerung der Rache, lange genug, bis sie zu etwas Kälterem, etwas Bedachterem verhärtet war.
Er war nie ein Mann gewesen, der sich mit der Bestrafung beeilte. Nicht, wenn das Feuer in seinem Inneren zu Fokus abgekühlt war. Und genau das beunruhigte sie am meisten.
Sie öffnete den privaten Kanal – etwas Uraltes, älter als jede bekannte Technologie oder jedes Zaubersystem, älter als die meisten Gesichter, die jetzt über diese Welt herrschten.
Die halbmondförmige Rune an ihrem Handgelenk leuchtete auf, glühte mit einem sanften Schimmer, während sich die Luft im Raum lautlos faltete.
Eine einzelne Gestalt erschien, tief kniend mit einem Umhang, der Schatten hinter sich herzog, den Kopf mit absoluter Disziplin gesenkt.
"Hochkommandant der Halbmond-Legion meldet sich."
Lilith erhob nicht ihre Stimme. Das musste sie nie. Ihr Ton brauchte keine Schärfe, um zu schneiden – er trug Gewicht allein durch seine Existenz.
"Steht zurück," sagte sie, jede Silbe landete mit der Endgültigkeit eines uralten Dekrets. "Verfolgt das Mädchen nicht. Lasst sie."
Der Kommandant zögerte, aber nicht aus Zweifel, nicht aus Trotz. Es war Instinkt – das Zucken eines Kriegers, wenn die Klinge noch nass war und der Geruch von Blut noch nicht kalt.
Aber Lilith starrte nicht, gestikulierte nicht. Sie schaute nur.
Und das war genug.
"Ja, meine Königin."
"Lass den Jungen seine Antwort bekommen," fügte sie hinzu, jetzt leiser, als hätte sich das Gewicht hinter ihren Worten vom Befehl zu etwas verschoben, das einer müden Entschlossenheit näher kam. "Das Siegel war genug."
Die Gestalt verschwand nicht mit einem Schwung. Sie war einfach nicht mehr da.
Lilith bewegte sich nicht sofort. Sie ließ sich auf den Sitz hinter ihrem Schreibtisch nieder – nicht um zu ruhen, nicht um zu atmen oder ihren Geist zu klären, sondern um sich zu verankern.
Sie arbeitete bereits die Auswirkungen durch. Das Gewicht dessen, was Valcrest getan hatte. Die Türen, die nun anfangen würden, in Reichen zu knarren, die die meisten nicht zu benennen wagten.
Sie griff nach unten, öffnete eine verborgene Schublade auf der linken Seite ihres Schreibtisches und zog ein Hauptbuch heraus, das fast unbeeindruckend aussah, wenn man nicht wusste, worauf man starrte.
Es war nicht in Leder gebunden, sondern in einer blassen, glatten Haut – grau, körnungslos, fast kalt bei Berührung.
Nicht von irgendeinem Tier, das jetzt lebte, sondern von Wesen, die in diese Welt gekrochen waren, lange bevor Menschen die Sonne benannten oder die Sterne kartierten.
Kreaturen vom Rand des ersten Zusammenbruchs, als das Gefüge von Mythos und Realität zum ersten Mal verschwamm.
Sie legte das Hauptbuch auf den Schreibtisch und sprach leise, der Klang mehr Gedanke als Sprache:
"Die Trauerwendung."
Das Buch zuckte unter ihrer Hand, wie etwas Schlafendes, das gerade in seinem Traum beim Namen gerufen wurde.
Es öffnete sich, ohne dass sie es wieder berührte – nicht am Anfang, nicht auf einer markierten Seite, sondern an der Stelle, die es ihr zeigen wollte.
Ein Diagramm.
Kein Gesicht. Kein Name. Kein Mund.
Nur Augen – Kreise über Kreisen gezeichnet, auf eine Weise, die der menschlichen Symmetrie nicht gehorchte, alle eingebettet in eine skelettartige Form, die teils geschmolzener Stein, teils Knochen, teils etwas war, das man am Grund eines toten Meeres finden würde.
Es gab keine Kennzeichnungen. Kein göttliches Siegel. Keine theologische Aufzeichnung. Nur ein Gefühl.
Und das war es, was ihr sagte, dass es real war.
Denn Götter, die katalogisiert werden konnten, konnten auch kontrolliert werden.
Aber das hier? Dieser hatte nie um Anbetung gebeten. Er hatte sich nicht einmal angekündigt.
Er war einfach durchgeschlüpft.
Und das machte ihn gefährlich.
Lilith zitterte nicht. Sie blinzelte nicht und zuckte nicht zusammen. Aber sie fuhr mit dem Finger über einen der Kreise – sanft, nicht um zu verbinden, sondern um sich zu erinnern.
"Dieser wurde nicht beschworen," murmelte sie, mit leiser Stimme. "Er hat seinen eigenen Weg hinein gefunden."
Sie zog einen weiteren Splitter aus der Schublade. Kleiner, aber mit Silber umrandet, das mit dem Alter stumpf geworden war. Es war kein Kommunikator.
Es war ein Schlüssel, verbunden mit Eiden, die so alt waren, dass sie der aktuellen magischen Epoche vorausgingen. Jeder Kontakt auf dem Splitter war noch durch drei Schichten der Gunst und eine Schuld an sie gebunden, die niemand zu begleichen gewagt hatte.
Sie aktivierte alle drei.
Einen in der Äther-Bibliothek.
Einen in den tieferen Kammern der Dämonenhöfe.
Einen unter den schwebenden Ruinen der Wiege.
Sie wartete nicht auf Bestätigung. Wenn sie noch lebten, würden sie antworten. Wenn nicht... würde sie es wissen.
Das Hauptbuch schloss sich von selbst, zufrieden, dass es geliefert hatte, was es wollte.
Sie lehnte sich für einen Moment zurück und starrte nicht auf die Wand, sondern nach innen.
Und zum ersten Mal seit Jahren sagte sie etwas, das sie nicht einmal in der Einsamkeit gesagt hatte.
"Wenn dies wirklich ein Vor-Riss-Gott ist..."
Ihre Worte verloren sich. Ihre Augen schlossen sich für einen Moment.
"...dann war Ethan nie die Gefahr."
Sie wartete. Ließ den Raum atmen.
Dann flüsterte sie, kaum laut genug für ihre eigenen Ohren:
"Der letzte Incubus war nicht das Ende."
Es gab keinen anhaltenden Wind. Keine besondere Kälte in der Luft.
Aber der Raum fühlte sich jetzt anders an.
Der Splitter auf ihrem Schreibtisch flackerte. Der mit der Äther-Bibliothek verbundene hatte geantwortet. Keine Stimme kam durch, nur ein tiefer harmonischer Ton – etwas, das man eher an der Basis der Zähne spürte, als dass man es hörte.
Das Diagramm im Hauptbuch verschob sich wieder, obwohl es sich bereits geschlossen hatte.
Und an seiner Stelle brannte etwas Neues in die Oberfläche – Worte, die nicht geschrieben, nicht gesprochen wurden.
Ein Datum.
Kein normales.
Nicht einmal ein aufgezeichnetes.
Es war eine zeitliche Markierung aus einer Zeit vor dem Reset.
Zyklus 0.
Ein Knoten in der Zeit. Ein Echo aus der ersten Schleife.
Unter dem Datum ätzen sich sechs winzige Glyphen ins Blickfeld.
Keine Worte. Symbole.
Krieg.
Verfall.
Stille.
Urteil.
Fusion.
Und das sechste –
Null.
Lilith starrte am längsten auf das letzte.
Ein Zeichen nicht des Todes, sondern der Ablehnung. Von etwas, das nicht zur Existenz gehörte. Nicht, weil es ausgestoßen wurde, sondern weil es nie existieren sollte.
Sie schloss den Splitter. Stand auf.
Sie bewegte sich nicht mit Dringlichkeit. Sie bewegte sich mit Präzision.
Denn jetzt wusste sie.